„Extremwetter: Wirbel aus der Arktis schockfrostet die USA“ – so oder so ähnlich hieß es in den Schlagzeilen aller größeren Zeitungen Ende Januar. Besonders betroffen der Mittlere Westen, in dem auch Chicago liegt. Die Windy City hat es während dieser Zeit auf satte -31 C Grad geschafft. Wie der Name schon sagt ist dies allerdings nur die gemessene Kälte gewesen. Aufgrund des Windchills, also der gefühlten Temperatur, gab es Temperaturen bis zu -45 C Grad.
Temperaturen in Chicago
Chicago besitzt ein kontinentales Klima. Die gute Nachricht – es gibt tolle Sommer. Die Schlechte Nachricht – die Winter sind hart. Temperaturen von -10 bis -15 C Grad am Tag und -20 Grad in der Nacht kommen in Chicago schon öfter mal vor und es gibt für mich im Vergleich zu Hamburg deutlich mehr Schnee. Meist kommt es ein Mal im Jahr für ein paar Tage zu einer extremeren Kälte. Dann rutschen die Temperaturen auch tagsüber unter -20 Grad. Dieses Mal so extrem, dass in manchen Teilen Illinois sogar der Kälterekord geknackt wurde und der Notstand ausgerufen wurde.
Meine Familie wundert sich glaube ich heute noch wie ich es hier überhaupt aushalte. Denn ich bin bzw. war eine wahre Frostbeule. Ich erinnere mich noch an die ersten Gespräche über den Chicago Winter, als klar war, dass wir in die USA ziehen. „Ach, das wird schon nicht so schlimm. Ist dort ja nicht so eine nasse Kälte wie bei uns“ – Tja… an dieser Stelle vielen Dank für all die aufmunternden und lieb gemeinten Worte von damals, ABER die Realität sieht anders aus! -30, -20 und selbst noch -15 Grad sind nunmal einfach a**** kalt. Da hilft alles Drehen und Wenden nichts.
Die Gewohnheit
Aber man gewöhnt sich an alles. auch ich. Erste Anzeichen gab es bereits bei meinem Heimatbesuch in Deutschland und bei -5 Grad lässt es sich mitterweile wirklich gut leben. Um es auf das Niveau der Chicagoans zu bringen fehlt mir aber noch die Übung. Wenn es das Thermometer dann nämlich doch mal auf die magische Zahl von Null Grad schafft, trägt halb Chicago keine Jacke mehr und die Mädels holen ihre Röcke raus…mal sehen wie viele Winter ich dafür noch benötige 😉
Die richtige Kleidung
Das Sprichwort „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung“ wird hier definitiv gelebt…auch wenn ich mir in meinem Chicago tauglichen Wintermantel, der bis zu -40 Grad warm halten soll und fast bis zu den Knöcheln geht, immer noch vorkomme, als ob ich im Schlafsack umher laufe. So schick hier im Sommer auch alle gekleidet sind, im Winter kümmert das niemanden mehr und es ist gezwungener „Bad Taste“ angesagt.
Zur unumgänglichen Ausstattung gehören eine sehr dicke Winterjacke (am besten bis über die Knie), ein Schal, den man sich zur Not auch über das Gesicht ziehen kann, dicke Handschuhe (wie ihr im Bild unten seht, trage ich zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder Fäustlinge ;)), Thermounterwäsche, dicke Stiefel und eine windabweisende Fließjacke als zweite Schicht unter dem mantel.
An wirklich kalten Tagen alles unabdingbar…und niemals, aber auch wirklich niemals darf man seine Handschuhe und Mütze vergessen!!! Das passiert einem allerdings auch nur exakt ein Mal. Nämlich dann wenn man bei -15 Grad ohne Handschuhe in der Stadt umher läuft, sich verirrt und es vor Kälte einfach nicht mehr schafft sein Handy mit den überlebenswichtigen Google Maps Informationen zu halten. Glaubt mir, da lernt man fürs Leben… und bestellst sich ein Uber 😉
Infrastruktur - Auto, Flugzeug und Chicagos Unterwelt
Zu der Kälte kommt oft noch der Schnee. Obwohl Chicago wirklich super auf den Schnee vorbereitet ist und sofort hunderte von Schneeschiebern und Streuwagen im Einsatz sind, kommt es trotzdem immer wieder zum Erliegen der Infrastruktur. Ich erinnere mich noch an einen Schneetag, an dem wir vom Outletcenter in den Suburbs zurück nach Chicago fahren wollten. Statt der üblichen Stunde waren wir satte 3 Stunden unterwegs. Gleiches Spiel den tag darauf auf dem Weg zum Flughafen. Immerhin ging dieses Mal der Flieger – es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass der Flug aufgrund des Wetters gecancelt wird und man nach 4 Stunden Warten am Flughafen dann im Schneesturm sein zugeschneites Auto sucht. Ebenfalls ein Punkt, warum ich mich nicht mehr über den überteuerten Tiefgaragenstellplatz ärgere. Wenn ich teilweise sehe wie die Leute morgens ihre Autos 30 Minuten aus dem Schnee schaufeln müssen, ist mir ehrlich gesagt jeder Cent wert.
Das coolste ist jedoch die Unterwelt Chicagos, die das Leben der Fußgänger erträglich macht. Die Stadt ist nämlich von mehreren Tunnelsystemen unterführt. Eins dieser Systeme verbindet verschiedene U-Bahnstationen und wichtige Gebäude und Kaufhäuser, sodass man die Innenstadt auch bei Kälte und Schnee bequem zu Fuß durchqueren kann.
Darf ich vorstellen? - Mein neuer bester Freund
Aber nicht nur draußen gibt es einiges zu beachten. Die Kehrseite des kalten Wetters draußen, ist die heiße und stickige Heizungsluft zu Hause. Ohne Luftbefeuchter geht da gar nichts.
Anfangs haben wir es, wie aus Deutschland gewöhnt, mit kleinen Wasserschälchen auf der Heizung versucht. Leider kein Erfolg. Nachdem es uns 2 Wochen aufgrund der trockenen Luft und ausgetrockneten Schleimhäuten wirklich schlecht ging, haben wir uns endlich einen Luftbefeuchter zugelegt. Eine Bereicherung für den Alltag im winterlichen Chicago, die heute, ähnlich wie die Klimaanlage im Sommer, nicht mehr wegzudenken ist.
-45 Grad und Windchill
Wie ist es nun aber bei -30 bzw. -45 Grad mit Windchill? Ganz einfach: Wer kann, der bleibt zu Hause. Diese Temperaturen sind selbst für die Einheimischen kalt und viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter vorab ins Home Office geschickt. Schulen haben geschlossen und die Post hat ebenfalls für einige Tage ausgesetzt.
Ich habe die Stadt noch nie so leer gesehen. Ein komisches Gefühl. Selbst aufs Autofahren wurde soweit es ging verzichtet und es gab Patrouillien, die die Straßen nach liegen gebliebenen Autos abgesucht haben, um die Leute vorm Erfrieren zu retten.
Zum Glück war ich nicht gezwungen raus zu gehen, habe aber einen kurzen Versuch gewagt. Extrem dick eingepackt, mit mehreren Schichten und mit dem Schal ins Gesicht gezogen, hält man es schon für kürzere Zeit aus. Riesen Spaziergänge sollte man sich jedoch nicht vornehmen. Man merkt, dass sich die machbare Zeit deutlich verkürzt und um den Schal im Gesicht kommt man definitiv nicht herum. Nicht umsonst wurde vor Frostbeulen bei unbedeckter Haut und Atemproblemen gewarnt.
Alles in allem ist der Winter hier schon eine Erfahrung für sich. Wobei ich es mir ehrlich gesagt schlimmer vorgestellt habe. Trotzdem könnte der Frühling so langsam mal kommen…
Bis zur nächsten kleinen großen Reise,
Eure Kerrin
Wow, da wird mir schon beim Lesen kalt 🙁
Auch hier in den Nachrichten wurde davon berichtet, dass es sehr gefährlich sein kann, bei den extremen Temperaturen in Chicago das Haus zu verlassen. Die Autos führen allein schon deshalb nicht mehr, weil sie binnen kürzester Zeit (auch während der Fahrt) zufrieren und die Scheiben total vereisen. Die Bilder im TV waren, ebenso wie deine, wunderschön. Aber erleben möchte ich das nicht – glaube ich 😉
Haltet durch! Der nächste Frühling steht schon vor der Tür.
PS: Ich hoffe, ihr müsst bei dem Wetter nicht auch noch nach einer neuen Wohnung suchen, sondern könnt weiter in eurer bleiben!?!
Hallo Eva,
vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
Ja, das war wirklich sehr extrem. Zum Glück war ich nicht gezwungen raus zu gehen.
Ich fürchte bei uns dauert es noch mit dem Frühling…letztes Jahr kam der erst im Mai…aber wir bleiben positiv 😉
Liebe Grüße,
Kerrin