Nachts auf dem Highway
Es ist dunkel. Nur die Scheinwerfer unseres Autos bahnen sich ihren Weg durch die unendliche Einsamkeit des Highways. Im Rückspiegel kann man die Scheinwerfer eines weiteren Autos erahnen. Es wird heller und heller. Der Pick-Up kommt blitzartig auf uns zu und plötzlich ist er so nah, dass die Lichter im Rückspiegel blenden. Eine ganze Zeit fährt er auf der linken Spur, leicht versetzt, hinter uns her. Das Licht brennt in den Augen. Es stört. Um der Situation zu entgehen, werden wir schneller. Er wird auch schneller. Wir reduzieren die Geschwindigkeit – er auch. Das Spiel geht 20 Minuten lang…und es fängt an unheimlich zu werden. Doch dann die Erlösung. Schlagartig, keiner weiß warum, rast er mit quietschenden Reifen davon. Innerhalb weniger Minuten ist nichts mehr von ihm zu sehen.
Amerikanische Horrorfilme
Die Szene erinnert irgendwie an den Anfang eines typisch amerikanischen Horrorfilms, oder nicht? Eine Gruppe von Freunden, oder wie in unserem Fall ein Pärchen, fährt in der Abgeschiedenheit über die Landstraße und wird von einem Auto bedrängt. Nichts weiter passiert. Das Auto verschwindet und der Vorfall ist schnell vergessen. Einige Stunden, vielleicht auch Tage später, treffen sie erneut auf den mysteriösen Unbekannten. Die Sache fängt an unheimlich zu werden. Hiermit jedoch noch nicht genug – sonst wäre es ja auch ein ziemlich langweiliger Horrorfilm – findet das dritte und letzte, um nicht zu sagen aller letzte, Aufeinandertreffen statt. Der Horror beginnt.
Tatsächlich sind wir dem mysteriösen Autofahrer einige Zeit später nochmal begegnet, als er schleichend über die Autobahn gefahren ist. Er fuhr so langsam, dass wir gar keine andere Möglichkeit hatten, als ihn zu überholen…und das ganze doofe Spiel ging von vorne los. In dem Moment sehr gruselig! Zum Glück blieb uns Begegnung Nummer drei aber erspart. Wie ihr augenscheinlich sehen könnt, lebe ich ja noch…wobei!? – meistens überlebt in solchen Filmen ja nur die im Vergleich „schwache“ heroische Frau und der „starke“ Mann stirbt 😉
Horrorfilmassoziationen
Nun gut, lieber nicht weiter darüber nachdenken. Aber warum zieht in solchen Momenten die ganze Bandbreite an im Leben gesehener Horrorfilme am geistigen Auge vorbei? So ein innerer Film ist mir sicherlich auch schon einmal in Deutschland durch den Kopf gegangen, aber hier passt halt alles ins Bild. Die Kulisse mit ihren endlos einsamen Straßen durch Wald oder Wüste ist identisch und es gibt unzählige Pick-Up-Fahrer. Wenn man mal so drüber nachdenkt, sind nämlich die es, die in 90% der Filme den Killer verkörpern. Oder habt ihr schon einmal einen Horrorfilm gesehen, in dem der Killer einen Fiat 500 gefahren ist? Ich vermute mal nicht. Die gibt es hier nur sehr wenig und wenn ja, dann in der Stadt und nicht im Nirgendwo.
Sind diese Situationen nun also Inspiration der Filmemacher, oder ist es genau andersherum und die Filme sind Inspiration für Täter und Kopfkino für potentielle Opfer? Ganz tief im Kern verborgen steckt ja meistens auch ein kleines bisschen Wahrheit. Ich habe mich beim Schauen von zahlreichen Horrorfilmen und Thrillern zum Beispiel oft gefragt warum die Opfer irgendwo in der Pampa ständig platte Reifen haben und dann nach all den komischen Vorfällen allen Ernstes noch anhalten, um den Reifen zu wechseln. Wird man da nicht hellhörig? Jetzt weiß ich warum nicht. Das passiert hier am laufenden Band. Die Straßenbeschaffenheit ist hier teilweise so besch***, dass sich Schlaglöcher an Schlaglöcher reihen. Undenkbar in Deutschland, hier durchaus realistisch.
Psycho, The Shining und wie sie alle heißen
Zwar wurden wir auf unserer weiteren Fahrt vom Killer verschont, doch waren die kommenden Ereignisse ebenfalls für Horrorfilmkopfkino prädestiniert. Zwei Stunden später waren wir so müde, dass wir uns ein Hotel suchen mussten. Wie etliche Roadmovies und auch Gruselfilme beweisen, in den USA auch kein Problem. Während wir normalerweise vorab von unterwegs nach entsprechenden Hotels online schauen, waren wir dieses Mal so müde, dass wir einfach an der nächsten, mit Hotels ausgeschilderten, Abfahrt vom Highway runter gefahren sind und dort nach einem Zimmer gefragt haben.
Ich wette, ihr denkt jetzt auch an Psycho. Begrüßt wurden wir aber nicht von Norman Bates, sondern von zwei dunkelhaarigen, blassen, netten, ehrlich gesagt fast schon zu netten und irgendwie auch gruseligen Studenten. Männlein und Weiblein, die die Nachtschicht hatten. Nachdem sie ein passendes Zimmer für uns gefunden hatte, holten wir unsere Koffer aus dem Auto. Natürlich war der Fahrstuhl kaputt, sodass wir unser Gepäck durch das Treppenhaus schleppen mussten. Eigentlich war dafür Student Nummer zwei angestellt, der aber als wir die Schlüssel bekamen, urplötzlich verschwunden war. Während wir dann so alleine durch die Flure gingen, sind mir sofort die kleinen Mädchen aus The Shining in ihren blauen Kleidchen am Ende des Flurs erschienen. Mal wieder Kopfkino und der davon unabhängige Kommentar meines Mannes: „Muss gerade irgendwie an The Shining denken…“, hat es kein bisschen besser gemacht. Im Gegenteil.
Der Horror geht weiter...
Im Zimmer angekommen, habe ich sofort die Tür verriegelt. Diese Aktion ins Geheim allerdings als sinnlos eingestuft, da der Film in meinem Kopf bereits gezeigt hat, wie die zwei Studenten mit Schlüssel durch die Verbindungstür kommen oder uns zumindest vom Zimmer nebenan aus beobachten. Der vermisste Kofferträger war bestimmt schon auf seinem Platz…mit Popcorn und Käsenachos. Natürlich war mir klar, dass das alles übertrieben war und ich eindeutig zu viele amerikanische Horrorfilme gesehen hatte. Trotzdem bin ich so schnell wie möglich ins Bett gehüpft und habe aus diversen Gründen auf die Dusche verzichtet. Wo wir wieder bei Norman Bates wären. Meinem Mann hat es sichtlich Spaß gemacht weitere Horrorfilmassoziationen in mir zu wecken und ist unter den Worten „Mach dir keine Sorgen, der Türschlitz unter der Tür ist so groß, dass du ohne Probleme sehen kannst, wenn sie kommen“ eingeschlafen…und weg war er auch schon.
Wunderbar. Was habe ich natürlich gemacht? Klar, ich habe wie blöd auf den Türspalt gestarrt! Wurde dann aber plötzlich von einem Rascheln und ein paar Stimmen aus meinem Beobachtungsmodus herausgerissen. Oh Gott, können die noch von wo anders kommen??? Zu Tode erschrocken habe ich das Licht angemacht und festgestellt, dass der uralte Radiowecker, mit den großen leuchtend roten Zahlen auf meinem Nachtschrank, nicht richtig aus war und es durch mein Handy anscheinend eine Rückkopplung mit dem Radio gab. Aber auch das ist wieder eine typische Horrorfilmszene, oder nicht? Merkwürdige, erschreckende Dinge passieren, die anfangs alle aufgeklärt werden können, sich später aber als übernatürliche Kräfte herausstellen. Ich habe es sowieso nicht so mit diesen oldschool Radioweckern. Mit 19 habe ich das Remake vom Exorzisten, der Exorzismus von Emily Rose geschaut, wo die Hauptdarstellerin jede Nacht um 03:00 Uhr, der angeblich wirklichen Geisterstunde, vom Teufel verfolgt wird. Ratet wann ich die folgenden 5 Nächte aufgewacht bin? Um 02:59 Uhr. Ein paar Sekunden vor 03:00. Ich hatte auch so einen Radiowecker. Heute noch sehe ich die rot leuchtende digitale 02:59 auf 03:00 Uhr umspringen. Brrr!!!
Der nächste Morgen
Naja, irgendwann habe ich es dann trotzdem geschafft einzuschlafen und bin ziemlich gerädert am nächsten Tag aufgewacht. Aber immerhin bin ich überhaupt wieder aufgewacht…und mein Mann auch 😉 Keine Ahnung wer nun wen inspiriert. Ist mir auch egal, denn eins ist klar. Diese Filme inspirieren MICH…und das nicht zu knapp! Die authentische filmtypische Umgebung und die hier gegebenen Grundvoraussetzungen wecken meine Phantasie zu stark. Liebe Horrorfilme, wir hatten eine schöne Zeit, aber ich fürchte, wir müssen nun getrennte Wege gehen!
Bis zur nächsten kleinen großen Reise,
Eine tolle Schilderung, die Mitreißt. Ich kann dich soooo gut verstehen! 😉
Danke:)…irgendwie hat ja jeder so seine eigenen Gruselgeschichten 😉